1

„Das Besondere an der App ist“, so Dr. Markus Greulich, Projektkoordinator Kulturwissenschaften, „dass sie sowohl Forschungsgegenstand als auch Forschungsinfrastruktur ist, die Individualforschung ebenso ermöglicht wie interdisziplinäre kooperative Forschung.“ Geschichte und Kunstgeschichte, germanistische Mediävistik (mittelalterliche Literatur- und Kulturgeschichte) und Linguistik liefern die fachspezifischen Inhalte, darunter etwa auch mittelalterliche Textzeugen, die in Gegenwartsdeutsch übersetzt werden. Darüber hinaus beschäftigt sich gerade die germanistische Linguistik zusätzlich mit neuen Formen der Kulturvermittlung: Die Kombination von Artefakten, Sprechertexten, Fotos, Skizzen und Legenden, die hier die Multimodalität ausmacht, führt zu neuen, interaktiven Medienformaten, die von der Informatik technisch umgesetzt werden. Konkret wird dabei der Raum zu einer interaktiven Ressource, in die der Nutzer sich dank 3D-Rekonstruktionen direkt hineinversetzt fühlt. „Gemeinsam mit der Informatik können wir diese Verbindung des wahrnehmbaren und digitalen Raumes in verschiedenen multimodalen Konstellationen untersuchen. Gibt es so etwas wie ein spezifisch multimodales Erzählen, das sich in dieser mobilen Kommunikationsform herausbildet? Dabei können von ein und demselben Standpunkt aus ganz unterschiedliche historische Erzählungen entstehen“, erläutert Jun.-Prof. Dr. Nicole M. Wilk die Perspektive der germanistischen Medienlinguistik. Ein innovatives Instrument für diese Darstellung bietet die so genannte Augmented Reality: Mithilfe der App wird ein historisches Objekt „gescannt“, anschließend werden Informationen auf dem Bildschirm sichtbar bzw. hörbar. Historische Prozesse werden so visualisiert und damit erlebbar gemacht.

Ein Beispiel: Der HiP-App-Nutzer steht am Paderborner Dom vor dem Paradiesportal und möchte mit seinem Smartphone oder Tablet mehr über die geschichtlichen Hintergründe erfahren. Er öffnet die App und erfasst das Werk, das durch die Anwendung digital erfasst und erkannt wird. Der Nutzer erhält dann Informationen zum erkannten Werk – beispielsweise als Text oder Bild, als Audiodatei oder Video. Durch Augmented Reality wird der Wahrnehmungseindruck durch historische Ansichten ergänzt, Elemente treten hervor oder werden in neue Sequenzen eingesetzt. „Gerade in Paderborn ist das Stadtbild heterogen, und es sind viele Verfahren denkbar, die räumliche Kopräsenz verschiedener Zeitschichten zu veranschaulichen“, so Jun.-Prof. Dr. Nicole M. Wilk.

1        1

Die Informatik entwickelt und betreibt die Software hierbei nicht im klassischen Sinne, d. h. anhand von zu Projektbeginn definierten Anforderungen, sondern evolutiv in enger Kooperation mit den Kulturwissenschaftlern, erklärt Dr. Simon Oberthür, Projektkoordinator Informatik: „Wir wollen neue Technologien, wie beispielsweise die Augmented Reality, in der HiP-App zur Anwendung bringen. Die Identifikation sinnvoller Einsatzmöglichkeiten und deren konkrete Ausgestaltung in unserem Kontext kann zu Beginn eines Projektes jedoch noch nicht spezifiziert werden. Das ist nur in eng verzahntem Arbeiten und Experimentieren der unterschiedlichen Disziplinen und auch der späteren Nutzer möglich.“ Deshalb werden Prototypen der HiP-App und deren Content Management System iterativ und inkrementell entwickelt sowie regelmäßig gemeinsam evaluiert. Um diese Prinzipien auf spätere Nutzer auszuweiten ist eine menschzentrierte Entwicklung und ein Vorgehen nach dem DevOps-Ansatz (was für Development & Operations steht) nötig. Hierbei werden alle Beteiligten in die Prozesse und deren Fortschritte eingebunden. Konkret geht es darum, Entwicklung, Planung und Betrieb enger miteinander zu verzahnen. So ist eine kontinuierliche Erweiterung der Software gewährleistet. Realisierung, Erprobung und Reflexion werden dabei zu leitenden Motiven der Arbeitsweise.